Sarti Halkidiki

Ich wusste immer schon, dass ich kein gewöhnliches Leben führe, andere wussten es weit vor mir, aber ich hörte nicht auf sie. Inzwischen ist mir klar, dass es selbst für Auβenstehende nicht nur wichtig sein könnte, sondern tatsächlich ist. Wer wissen will, wie prachtvolles Leben wirklich gelebt werden kann, soll reinschauen in dieses Buch. Es ist kein billiger Ratgeber, sondern ein zum Lachen reizender Ausriss aus einem lebendigen Werdegang, der sich auch so nennen darf. Keine psychologisierende Geheimniskrämerei, eher eine brachiale Vorführung dessen, was man gemeinhin Leben nennt.  

 

Zu diesem Buch ein Leseauszug, der einen überaus wichtigen Lebensabschnitt betrifft, als nämlich meine vierzehnjährige Tochter nach Hausbesetzungen in Westberlin nicht nur aus der Stadt, sondern sogar aus Deutschland flüchten musste. 

 

Meine Ängste, die ich monatelang durchzustehen hatte, weiβ ich heut kaum noch eunzuordnen. Ich weiβ nur, dass sie immens waren. Albträume, mich, der gröβtenteils frei von jeglichen Träumen war, durchjagten meine Nächte und doch hatte ich ein tief verwurzeltes Vertrauen, dass ich sie wiedersehen würde. Undenkbar, was geschehen wäre, hätte ich diese untrügliche Hoffnung nicht gehabt. Einige leidgeprüfte Eltern, mit denen ich in Verbindung stand, gaben ihre Kinder nicht nur auf, sie lösten sich von ihnen. Eine Fernsehsendung über die Schicksale dieser Kinder gab ihnen keinerlei Hoffnung auf Wiederkehr mehr, sei es, dass die Besetzer tatsächlich nicht mehr zurück wollten, sei es, dass sie nicht selten kriminell geworden waren.

Ich hielt Kontakt zu ihr. Wenn sie irgendeines Telefons habhaft werden konnte, rief ich sie an und nach einem mir ewig erscheinenden Dreivierteljahr gewann ich langsam den Eindruck, dass sie wohl doch gewillt war, nach Berlin zurückzukommen. Aber es sollte noch dauern. Ich stand in telefonischem Kontakt mit dem deutschen Konsulat in Marseille und beschwor die dortigen Beamten, wenn meine Tochter auftauchen sollte, sie sofort in einen Zug zu setzen in Richtung Deutschland.

"Wollen Sie sie denn wirklich wiederhaben?", war die unverschämte Frage. Ich bejahte aufbrausend, aber der coole, deutsche Beamte unterrichtete mich darüber, was ich ohnehin schon wusste, dass sich einige Eltern von ihren Kindern losgesagt hatten, für mich eine unfassbare Entscheidung. Ein paar Tage darauf war es soweit. Telefonat vom Konsulat in Marseille:

"Ihre Tochter ist wegen Bettelei auf der Straβe aufgegriffen worden". Es gelang mir in meiner Panik, die Telefonnummer der Polizei in Grasse ausfindig zu machen. Ich raffte mein gesamtes, noch vorhandenes Französich zusammen. Der südfranzösische Gefängnisbeamte verstand mich trotzdem, verband mich mit meiner Tochter. Nun erwartete ich am Telefon eine zumindest zerknirschte oder wenigstens einsichtige, vierzehnjährige Tochter.

"Geil Alter, sowat wie mich habn die hier noch nie im Knast gehabt. Bekomm von allen Zigaretten."

Nie wurde ich pädagogisch, wenigstens telefonisch mehr herausgefordert, als ich versuchte, meine augenscheinlich euphorische Tochter auf den Ernst der Situation hinzuweisen:

"Eh, reiβ dich jetzt mal zusammen, du wirst morgen früh dem Jugendhaftrichter vorgeführt, versuch wenigstens einen einigermaβen einsichtigen Eindruck zu machen, damit sie dich freilassen. Ich hab alles mit dem Konsulat vorbereitet. Es kommt jetzt alles nur auf dich an." Beschwörend sprach ich auf sie ein, wie so oft in den letzten Tagen. Wiederum ihre ungemein beruhigende und durchaus ernst gemeinte Antwort:

"Mach dir bloβ keene Sorgen, Alter".

Wie ich die Nacht und den darauffolgenden Tag überstand, weiβ ich heut nicht mehr. Nachmittags um 17 Uhr Telefon Konsulat Marseille.

"Wir haben Ihre Tochter freibekommen. Sie müssen jetzt sofort 150 Mark per Post überweisen, dann setzen wir sie in den Zug."

Die Deutsche Bundespost ist verschrien dafür, dass sie überpünklich schlieβt. Es blieben mir circa 40 Minuten, um das Geld für den Freikauf meiner Tochter zusammenzukratzen, bis die Post um 18 Uhr ihre Pforten schlieβt. Wer waren die Freunde, die mir ohne zu zögern sofort das Geld vorschossen und die sich genauso wie ich auf die Rückkehr freuten: Piero, der bei uns im Haus wohnende Italiener, den die Kinder eh schon als ihren Opa ansahen und Jerzy aus Polen, der in Berlin sein Geld damit verdiente, indem er musikalische Arrangements für Jazzbands konzipierte, Ausländer also, mit denen mich sehr viel verband. Dem Postbeamten, der sein Postamt bereits vier Minuten vor sechs schlieβen wollte, drohte ich Schläge und ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung an, wenn er mich nicht augenblicklich noch einlieβ. Er lieβ.

Noch eine bange Nacht. Wie kam das Geld durch die Telefonleitung so schnell von Berlin Kreuzberg nach Südfrankreich? Technische Fragen, von Laien gestellt, verhallen ungehört, besonders, wenn man allein ist. Und ich war allein, mutterseelenallein in dieser Nacht, pläneschmiedend für meine Tochter. Wie überzeuge ich sie, dass sie in Zukunft nur mehr in unserer Wohnung bleiben muss, dass sie wieder geregeltem Unterricht nachgehen muss, alles Zwänge, von denen sie ein Jahr lang freigestellt war. Am Morgen war ich nicht mehr allein. Alle ihre, in Berlin noch verbliebenen Freunde, suchten mich auf, freuten sich wie Kinder, die sie ja auch noch waren. Aber es war an meiner Reihe, den unnachgiebigen Vater zu spielen.

"Wenn ihr glaubt, dass meine Tochter heut gleich wieder zu euch zieht, habt ihr euch verpeilt, sie bleibt bei mir und muss ab sofort wieder in die Schule."

"Geht doch nicht, kannst nich machen, sie geht kaputt", waren noch die zahmsten Kommentare. Ich blieb hart und untersagte ihnen, sie am Bahnhof Zoo zu empfangen. Ich muss sie allein dort sprechen und abholen.

Ich stand allein am Bahnhof Zoo und nahm erstaunt lautes Getöse und Gesang aus einem Waggon des einfahrenden Zuges wahr, in dem ich unweigerlich meine Tochter vermutete. Und meine abgewiesenen Besetzer hatten allen, wie so oft und diesmal mir wieder ein Schnippchen geschlagen und hatten den Zug am Bahnhof Wannsee schon geentert und meine Tochter mit lautem Hallo und Sekt willkommen geheiβen. DEN Bahnhof hatte ich vergessen. Trotzdem war ich fest entschlossen, meinen Plan durchzuführen. Ich schloss sie überglücklich in die Arme, die anderen warteten dezent im Hintergrund. Ihr strahlendes Gesicht verfinsterte sich augenblicklich, als ich ihr eröffnete, dass sie nun mit zu mir nach Hause kommen müsse.

 

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